Lebensrecht gleich Recht auf Leben?

Der Begriff Lebensrecht wird häufig verwendet, deshalb die Frage: Um welches Recht geht es eigentlich? Wer gewährt es? Und warum?

von Gabriel Ruprecht

Was ist ein Recht wert?

Ein Recht ist immer nur so viel wert, wie es garantiert werden kann. Wenn ich das Recht auf das größte Stück Kuchen habe, mir dieses Recht aber niemand durchsetzt (auch nicht ich selbst), sind die Aussichten relativ groß, dass ich nicht das größte Stück bekomme, obwohl ich das Recht darauf habe. Wenn es ein Recht gibt, kann man dieses in einem Gesetz niederschreiben und es leitet sich daraus ein Rechtsanspruch ab. Das heißt, wenn es ein Lebensrecht gibt, kann ich sagen: Ich darf Leben! Und wenn mir dieses Recht jemand streitig macht, wäre dies ein Rechtsverstoß. Wenn mir dieses Recht aber niemand durchsetzt, ist es auch nicht viel wert.

Rechte hängen vom Rechtsempfinden ab. Gesetze können als Konsens des Rechtsempfindens ausformuliert werden. Wenn jemand etwas als ein Recht erachtet, wird er dies irgendwie begründen. Derjenige, der dies begründet, kann eine Einzelperson oder eine Gemeinschaft sein. Nun ist also die Frage, wie begründen wir ganz elementare grundsätzliche Rechte, wie das Lebensrecht?

Wenn es keinen Gott gibt

Wir gehen zuerst mal davon aus, dass es keinen Gott gibt. In diesem Fall muss ich für mein Handeln letztlich keine Rechenschaft ablegen. Gegenüber der Gesellschaft nur dann, wenn ich mich erwischen lasse. Es ist also alles erlaubt, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Man kann alternativ auch Rechte damit begründen, dass sie der Gemeinschaft nützen und somit evolutionär einen Vorteil gegenüber anderen Arten darstellen. In diesem Fall liegen den Rechten nur Instinkte zugrunde. So gesehen wäre ein Mord auch etwas schlechtes, allerdings nur dann, wenn er dem Fortbestand der Gemeinschaft schadet. Es wäre also förderlich Alte, Kranke und Behinderte aus der Gesellschaft zu entfernen, da sie der Gesellschaft nicht nützen, sondern vielleicht sogar schaden. Der Mensch wird dabei konsequenterweise nur über seinen Nutzen definiert. Dies gilt natürlich nur solange wie der Genpool nicht zu stark verarmt und keine Inzuchtdepression auftritt (vermehrtes Auftreten von Erbkrankheiten durch fehlende genetische Diversität). Kurz gesagt: Wenn es keinen Gott gibt, sind Rechte nur das Resultat von Instinkten. Dann wäre es nicht unmoralisch seine Eltern (oder Großeltern) mit der Schrotflinte abzuknallen, sobald man keinen Nutzen mehr von ihnen hat.

Die eigenen Eltern erschießen

Jetzt kann natürlich der Einwand kommen: „Das ist ja schrecklich. Wie kann man nur so denken?“ Uns ist irgendwie intuitiv klar, dass es falsch wäre, eine Schrotflinte auf diese Weise zu verwenden. Es bleibt also die Frage: Warum ist uns das intuitiv klar? Man kann natürlich auch hier wieder behaupten, dass dies nur ein Instinkt sei. Dann müsste man aber fragen, wieso sich der Instinkt, die Alten und Kranken abzuknallen nicht gegenüber dem Lebensrechts-Instinkt durchgesetzt hat. Er bietet nüchtern betrachtet klare evolutionäre Vorteile. Die Mehrheit der Menschheit ermordet die Eltern jedoch nicht. Wir wissen dass dies aber gelegentlich vorkommt. In solchen Fällen empfindet dies auch die Mehrheit als falsch und abstoßend (Ich kann das jetzt leider nicht mit Zahlen belegen, mir ist aber nichts anderes bekannt). Der Mensch weiß also intuitiv, dass gewisse Handlungen schlecht sind und es ist nicht schlüssig, dass er dies auf Grund eines Instinktes im Sinne eines mechanistischen Weltbildes weiß. Kurz gesagt: Der Mensch weiß intuitiv, dass gewisse Dinge falsch und gewisse Dinge richtig sind. Darüber, dass man seine Eltern nicht umbringt, herrscht ein intrakultureller und interkultureller Konsens.

Dieser Konsens wird möglicherweise an Relevanz einbüßen, da er nur dann von Bedeutung ist, wenn die betreffenden Personen Kinder haben. Jene alten Menschen, die Kinder haben, werden nicht so einfach ausgeknipst werden. Kinderlose Alte dagegen eher. Damit sind wir wieder beim Anfang: Ein Recht ist nur so viel wert, wie dass es jemanden gibt, der dieses Recht durchsetzt. In diesem Fall die Kinder.

Absolute Moral versus relative Moral

Nun kann es natürlich passieren, dass ein Gesetz verabschiedet wird, das die Tötung von Menschen erlaubt, die für die Gesellschaft wertlos sind. Damit gäbe es ein juristisches Recht, die Alten zu töten. Das ist umso bemerkenswerter, als genau dieses Problem bei den Nürnberger Prozessen zutage trat. Die Verteidigung argumentierte damit, dass gegen kein deutsches Gesetz verstoßen wurde (sofern ich hier richtig informiert bin). Auf der anderen Seite stand die Anklage, welche die Meinung vertrat, dass gegen grundsätzliches Völkerrecht (u.a. Verbrechen gegen die Menschlichkeit) verstoßen wurde. Wir haben hier auf der einen Seite das Postulat einer relativen Moral (Das Töten bestimmter Personen ist ja nicht verboten) und auf der anderen Seite einer absoluten Moral (Jeder weiß, man soll nicht töten). Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass jemand in so einer Situation auf nicht-schuldig plädiert.

Indirekt wurde in diesem Fall der oben genannte, allgemeine Konsens über Grundrechten auf Seiten der Anklage herangezogen, gegen den die Nationalsozialisten offensichtlich verstoßen hatten. Dieser Grundkonsens scheint nun, entweder biologisch einprogrammiert zu sein oder unabhängig vom Menschengeschlecht zu existieren. Das erste ist aus oben genannten Gründen nicht schlüssig, das zweite aus atheistischer Sicht abzulehnen. Es handelt sich nämlich um ein nicht-materielles Recht, das in einem materialistischen Universum nicht existieren kann. Das heißt, aus atheistischer Sicht ist es schwer, sich auf einen Humanismus (i.S.v. Moral, Anstand und Sitte) zu berufen. Interessanterweise existiert dieser Humanismus trotzdem, was demnach sehr befremdlich ist und mangelnde Konsequenz nahelegt. Ganz im Gegensatz dazu steht beispielsweise die Philosophie Peter Singers, der da vergleichsweise konsequent argumentiert.

Allem Anschein nach scheint es also Rechte zu geben, die unabhängig vom Menschen existieren und gleichzeitig die Existenz eines Gottes erfordern, da es nur dann nicht-materielle Dinge geben kann. Das heißt, dass die Anklage in den Nürnberger Prozessen mit dem Naturrecht argumentiert hat. Wissentlich oder unwissentlich.

Rechte können nicht von persönlichen Bindungen abhängen

Ausgehend von dem Konsens, dass man seine Eltern nicht umbringt, haben also Eltern ein Lebensrecht, das unabhängig vom jeweiligen Menschen existiert. Jetzt ist natürlich die Frage, ob andere alte Menschen dieses Recht ebenfalls haben. Man wäre, sofern moralisch ausreichend flexibel, eher geneigt, die Eltern seines Nachbarn umzubringen als die eigenen. Dessen Kinder sehen das aus ihrer Perspektive analog. Man hat also für die eigenen Eltern und fremde Eltern eine unterschiedliche Hemmschwelle. Dass eine Hemmschwelle vorhanden ist, zeigt aber, dass man intuitiv weiß, dass es falsch ist.

Es kann an dieser Stelle natürlich eingewendet werden, dass Rechte von persönlichen Bindungen abhängen. In diesem Fall wären sie komplett subjektiv, relativ und biologisch einprogrammiert. Allerdings kann die höhere Hemmschwelle auch einfach daran liegen, dass man bei den eigenen Eltern sich zweifach schuldig macht: Der Missachtung der eigenen Eltern und eines Mordes. Wenn Rechte von persönlichen Bindungen abhängen, wäre die Ermordung der Nachbarseltern also richtig oder definitiv nicht falsch. Eine andere Person, die keinen Bezug zu meinen Eltern hat, dürfte im Gegenzug ebenso denken. Es wäre also in beiden Fällen gleichermaßen richtig. Somit ließen sich daraus auch keine allgemeinen Rechte ableiten und letztendlich gäbe es gar keine Rechte außer dem Recht des Stärkeren. Eine Person, die keinerlei Bindungen zu irgendjemanden hat, könnte demnach auch von jedem umgebracht werden und das wäre nicht falsch. Die meisten Menschen würden aber selbst so einer Person Rechte zuschreiben, beziehungsweise meiner These hier nicht zustimmen. Das ist zwar kein Beweis, dass sie falsch ist, aber es legt dies sehr nahe. Kurz gesagt: Rechte hängen nicht von persönlichen Bindungen ab.

Lebensrecht für alle, unabhängig vom Nutzen für die Gesellschaft

Nach aktuellem Stand hat also jeder persönliche Rechte, die unabhängig von der Person und ihrer persönlichen Bindungen sind. Das heißt, dass eine Person kraft ihrer Existenz gewisse Rechte besitzt, die nicht von der Verfassung der Person abhängen. Also natürliche Rechte, Naturrechte. Wie schon deutlich wurde, kann man überhaupt sehr schwer argumentieren, dass eine Person nur irgendwelche Rechte hat, wenn man sie letztlich nicht naturrechtlich begründet. Daraus folgt aber auch, dass Menschen ein Lebensrecht besitzen. Und zwar eines, das jeder hat und immer hat. Das gilt demnach auch, wenn jemand alt und eine Last für die Gesellschaft ist. Alte Menschen mit Euthanasie zu „beglücken“ stellt also einen Verstoß gegen dieses Recht dar und ist demnach falsch. Selbst wenn es von Gesetzes wegen erlaubt ist.

Ein Punkt, der in diesem Artikel nicht behandelt wurde, ist die Frage, was ist, wenn jemand diese Rechte nicht mehr in Anspruch nehmen will. Darüber wird es vielleicht irgendwann einmal einen weiteren Artikel geben.

Bild: By Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France – Le penseur de la Porte de l’Enfer (musée Rodin), CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24671002

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