„Kirche muss weiterhin kritisch ihre Stimme erheben“

Kardinal Marx ruft bei Jahresempfang des Erzbistums dazu auf, Stellung zu politischen Fragen zu beziehen

München. Beim Jahresempfang des Erzbistums München und Freising hat Kardinal Reinhard Marx betont, dass die Kirche selbstbewusst zu aktuellen politischen Fragen Stellung beziehen müsse. Dazu gehöre es manchmal auch, Haltungen zu vertreten, die „dem Zeitgeist widersprechen“, denn „es stimmt nicht, dass Kirche einfach den Mainstream mitmacht“, sagte der Erzbischof am Mittwochabend, 5. Juli, in München. Es gehe vielmehr darum, „vom Evangelium her den Menschen etwas zu sagen“. Deshalb müsse man „akzeptieren, dass es mit der Politik Meinungsverschiedenheiten geben kann und muss“. Auch wenn in der Regel Mehrheitsentscheidungen getroffen würden, gebe es „Bezugspunkte, die nicht einer parlamentarischen Mehrheit unterworfen werden können“. Als Beispiele nannte Kardinal Marx den assistierten Suizid und die „Ehe für alle“: „Ich hoffe, dass diese Debatte nicht zu Ende ist, sondern dass das Thema auch beim Bundesverfassungsgericht weiter erörtert werden kann.“

Der Erzbischof betonte die Bedeutung der katholischen Soziallehre: „Sie gehört zum Glaubensinhalt!“ Dies betreffe Fragen der Gerechtigkeit, der Versöhnung, des Friedens, des Klimas: „All das sind Fragen, bei denen man nicht sagen kann, sie haben nichts mit dem Glauben zu tun. Die Botschaft des Glaubens hat Auswirkungen!“ Auch Nationalismus oder Rassismus seien Themen, „bei denen wir weiterhin handeln und weiterhin kritisch unsere Stimme erheben werden“. In der Politik müsse es „eine Gestaltungsaufgabe geben, eine Idee, wohin wir wollen“, so Kardinal Marx: „Darüber gilt es zu streiten, und da wird sich Kirche gern einbringen. Als Kirche wollen wir Zeichen der Hoffnung sein. Wir wollen nicht am Rande stehen und allen sagen, was sie falsch machen, sondern zusammenkommen, auch mit unterschiedlichen Meinungen.“

Als „große Herausforderung des 21. Jahrhunderts“ benannte der Erzbischof die Ökumene. Er nehme den Wunsch wahr, „dass Ökumene gelingen möge, dass etwas vorangeht“, so Kardinal Marx: „Da ist ein Momentum, da ist etwas, was wir nicht versäumen dürfen!“ Besondere Bedeutung maß er dabei der Freundschaft zu: „Sie ist die Voraussetzung, wenn man weiterkommen will, die Voraussetzung zum Verstehen des anderen.“

Zu Beginn seiner Ansprache gedachte der Erzbischof der Toten des Busunglücks in Oberfranken vom Montag, 3. Juli, und rief die Gäste des Jahresempfangs zum Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen auf. Den Anwesenden dankte er für ihr Engagement in Kirche, Gesellschaft und Politik: „Wir arbeiten zusammen, wir gehören zusammen.“

Rund 600 Gäste aus Kirche, Gesellschaft und Politik nahmen an dem traditionellen Jahresempfang von Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, und dem Diözesanrat der Katholiken der Erzdiözese München und Freising im Kardinal-Wendel-Haus in München-Schwabing teil. Bürgermeister Josef Schmid (CSU) sowie Staatsminister Marcel Huber (CSU) sprachen Grußworte. Musikalisch gestaltet wurde der Empfang vom Hornquartett der Münchner Philharmoniker. (ct/gob)

Bild: Von Wolfgang Roucka – Erzbischöfliches Ordinariat München, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15369649

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